Der Kern des Konflikts in einem Satz
Das Altersvorsorgedepot schenkt dir Geld vom Staat – und nimmt dir dafür den Zugriff auf dein Geld bis mindestens 65. Der freie ETF-Sparplan schenkt dir nichts – und lässt dir dafür jede Freiheit.
Das ist der ganze Trade-off. Alles andere sind Details. Aber Details, die je nach Lebenslage den Ausschlag geben. Deshalb gehen wir sie einzeln durch – und zwar in beide Richtungen.
Was das Altersvorsorgedepot zusätzlich auf den Tisch legt
Die Zulagen
Beim freien ETF-Sparplan zahlst du 100 € ein und im Depot landen 100 €. Beim Altersvorsorgedepot zahlst du 100 € ein – und der Staat legt etwas drauf:
- Grundzulage: 50 Cent je Euro auf die ersten 360 € im Jahr (macht bis zu 180 €), danach 25 Cent je Euro bis 1.800 € im Jahr (macht bis zu weitere 360 €). Zusammen also maximal 540 € pro Jahr.
- Kinderzulage: 1 € je eingezahltem Euro, maximal 300 € pro Kind und Jahr. Erreicht ab 25 € Eigenbeitrag pro Monat und Kind.
- Berufseinsteigerbonus: einmalig 200 €, wenn du vor Vollendung des 25. Lebensjahres abschließt.
Eine Familie mit zwei Kindern, die 50 € im Monat einzahlt, bekommt 840 € Förderung auf 600 € Eigenbeitrag. Rechne das mit einem freien ETF-Sparplan nach – es geht nicht. Die Rechnung im Detail steht in Familien-Rechenbeispiel.
Sparrate, Alter und Kinder eingeben — der Rechner zeigt dir Zulagen, Förderquote und den möglichen Depotwert mit 67. Kostenlos, ohne Anmeldung, die Eingaben verlassen deinen Browser nicht.
Zum FörderrechnerDie Steuerstundung
Der zweite Vorteil ist unauffälliger, aber über Jahrzehnte relevant: In der Ansparphase bleibt das Altersvorsorgedepot steuerfrei. Keine laufende Besteuerung von Erträgen, keine Steuer auf Umschichtungen. Alles arbeitet ungeschmälert weiter.
Beim freien ETF-Sparplan greift nach heutigem Recht schon während der Ansparphase der Fiskus zu: Abgeltungsteuer von 25 % plus Solidaritätszuschlag (ggf. Kirchensteuer), teilweise gemildert durch die Teilfreistellung bei Aktienfonds und den Sparerpauschbetrag. Das ist keine Katastrophe, aber es bremst den Zinseszins.
Dafür ist der freie Sparplan in der Auszahlung erledigt – versteuert ist versteuert. Beim Altersvorsorgedepot kommt die Steuer erst später: nachgelagert, mit deinem persönlichen Steuersatz im Rentenalter. Mehr dazu unter nachgelagerte Besteuerung.
Was der freie ETF-Sparplan besser kann
Du kommst jederzeit an dein Geld
Autoreparatur, Jobwechsel, Umzug, Selbstständigkeit, Scheidung: Beim freien Sparplan verkaufst du Anteile und hast das Geld in Tagen. Beim Altersvorsorgedepot nicht. Die Auszahlung startet frühestens mit 65 und spätestens mit 70. Vorher ist das Kapital für die Altersvorsorge gebunden – dafür wird es ja gefördert.
Das ist der Preis der Förderung, und er ist real. Wer keine Notreserve hat, sollte zuerst die aufbauen und erst dann über geförderte Altersvorsorge nachdenken.
Du bestimmst die Auszahlung selbst
Beim Altersvorsorgedepot ist die Entnahme geregelt: Ein Auszahlplan muss mindestens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr laufen, und die Einmalentnahme ist auf maximal 30 % des Kapitals begrenzt. Beim freien Depot entscheidest du, wann du wie viel entnimmst. Punkt.
Keine Obergrenze, keine Produktvorgaben
Ins Altersvorsorgedepot darfst du bis zu 6.840 € pro Jahr einzahlen. Wer mehr sparen will, braucht ohnehin ein zweites Gefäß. Der freie Sparplan kennt keine Grenze und keinen Produktkatalog.
Kosten
Das Standarddepot ist bei den Effektivkosten gesetzlich auf maximal 1,0 % pro Jahr gedeckelt. Das ist ein echter Fortschritt gegenüber vielen Altprodukten – aber es ist eine Obergrenze, kein Zielwert. Ein schlichter, breit gestreuter ETF im Direktdepot ist heute oft für einen Bruchteil davon zu haben. Über dreißig Jahre ist dieser Unterschied kein Rundungsfehler.
Die Gegenüberstellung
| Altersvorsorgedepot | Freier ETF-Sparplan | |
|---|---|---|
| Staatliche Zulagen | bis 540 € Grundzulage, bis 300 € je Kind, 200 € Berufseinsteigerbonus | keine |
| Steuer in der Ansparphase | steuerfrei | Abgeltungsteuer auf Erträge (nach heutigem Recht) |
| Steuer in der Auszahlung | nachgelagert, persönlicher Steuersatz | bereits versteuert |
| Sonderausgabenabzug | ja, bis 2.340 € (ohne Kinder) | nein |
| Zugriff vor 65 | nein | jederzeit |
| Auszahlung | ab 65, spätestens 70; Auszahlplan mind. bis 85; Einmalentnahme max. 30 % | frei wählbar |
| Einzahlung pro Jahr | max. 6.840 €, mindestens 120 € für Zulagen | unbegrenzt |
| Kosten | Standarddepot: max. 1,0 % p. a. gedeckelt | je nach Broker und ETF, oft deutlich niedriger |
| Anlagevarianten | ohne Garantie, 80 %, 100 % | frei |
| Immobiliennutzung | Eigenheimbetrag bis 100 % des Vermögens möglich | frei verfügbar |
Wann welches Gefäß tendenziell besser passt
Das ist keine Empfehlung, sondern eine Sortierhilfe:
Die Förderung wiegt schwer, wenn …
- du Kinder hast – die Kinderzulage ist der stärkste Hebel im ganzen System.
- du unter 25 bist und den Berufseinsteigerbonus mitnehmen kannst.
- du ohnehin fest bis zur Rente sparen willst und weißt, dass du das Geld nicht anfassen wirst.
- du ein hohes Einkommen hast und den Sonderausgabenabzug nutzen kannst.
Die Flexibilität wiegt schwer, wenn …
- du noch keinen Notgroschen hast.
- dein Einkommen schwankt oder eine Selbstständigkeit ansteht.
- du dir vorstellen kannst, das Geld vor 65 für etwas anderes zu brauchen – Haus, Sabbatical, Weiterbildung.
- du sehr kostenbewusst anlegst und die 1,0-%-Grenze für dich zu hoch ist.
Was wir heute noch nicht wissen
Die Produkte starten am 01.01.2027. Welche Anbieter mit welchen Depots und welchen konkreten Kostenquoten antreten, steht noch nicht fest. Die 1,0 % sind die gesetzliche Obergrenze – ob der Markt darunter bleibt, wird sich zeigen. Prüfe das, wenn die Produkte da sind, und lass dich nicht vorab auf etwas festlegen.
Wer wissen will, ob sich das Ganze in seiner Lebenslage überhaupt rechnet, findet die Profile in Für wen lohnt sich das Altersvorsorgedepot.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Trade-off lautet: Förderung und Steuerstundung gegen Flexibilität. Das Geld im Altersvorsorgedepot ist bis frühestens 65 gebunden.
- Die Zulagen (bis 540 €, plus bis zu 300 € je Kind, plus 200 € Berufseinsteigerbonus) kann ein freier ETF-Sparplan nicht ausgleichen – erst recht nicht bei Familien.
- Der freie Sparplan punktet bei Zugriff, Auszahlungsfreiheit, fehlenden Einzahlungsgrenzen und oft niedrigeren Kosten.
- Der Kostendeckel von 1,0 % p. a. beim Standarddepot ist eine Obergrenze, kein Gütesiegel.
- Nachgelagerte Besteuerung heißt aufgeschoben, nicht geschenkt – ob sie dir nützt, hängt von deinem Steuersatz in der Rente ab. Für die individuelle Beurteilung ist eine steuerberatende Person zuständig.
Quelle
BMF: Fragen und Antworten zur Reform der geförderten privaten Altersvorsorge